Altstadt aus zweiter Hand
Wer in Berlin das Mittelalter sucht, landet meist im Nikolaiviertel am Spreeufer – und steht in einem Neubau aus den 1980er-Jahren.
Das Quartier um die Nikolaikirche, eine der Keimzellen der Stadt, wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Zum 750. Stadtjubiläum 1987 ließ die DDR es nach Plänen von Günter Stahn neu errichten, überwiegend in Plattenbauweise, aber mit Giebeln, Arkaden und engen Gassen, die an die alte Stadt erinnern sollten. Einige Häuser wurden rekonstruiert, etwa das Ephraim-Palais, das wenige Meter neben seinem früheren Standort wiedererstand. Die Nikolaikirche, deren Anfänge ins 13. Jahrhundert reichen, wurde wiederaufgebaut und dient heute als Museum.
Man kann das Viertel als Kulisse belächeln. Ergiebiger ist es, es als Dokument seiner Zeit zu lesen: Es zeigt, wie die DDR in ihren letzten Jahren die Geschichte Berlins für sich beanspruchte.
Gendarmenmarkt
Gut einen Kilometer westlich zeigt der Gendarmenmarkt, wie das barocke Berlin seine Plätze anlegte. Er entstand ab 1688 als Markt der neuen Friedrichstadt; den Namen gab ein Kürassierregiment, die Gens d’armes, das hier seine Ställe hatte. Zwei fast gleiche Kuppeltürme rahmen den Platz: der Französische Dom im Norden neben der Kirche der hugenottischen Gemeinde und der Deutsche Dom im Süden. Carl von Gontard stellte die Türme 1780 bis 1785 neben die älteren Kirchen. Das Wort „Dom“ kommt hier vom französischen dôme, Kuppel – Bischofskirchen sind beide nicht.
Zwischen den beiden Türmen steht Karl Friedrich Schinkels Schauspielhaus von 1821, heute das Konzerthaus. Alle drei Bauten brannten im Zweiten Weltkrieg aus und wurden ab 1976 Schritt für Schritt wiederaufgebaut, der Deutsche Dom erst bis 1996. Dort zeigt der Deutsche Bundestag heute eine Ausstellung zur Geschichte des Parlamentarismus in Deutschland. Der Platz selbst wurde von 2022 bis 2025 neu gestaltet.
Gedächtniskirche: Ruine und Neubau
Am Breitscheidplatz in der City West steht das bekannteste Mahnmal des früheren West-Berlin – und eines der klügsten Beispiele dafür, wie man mit einer Ruine weiterbaut.
Franz Schwechten baute die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche 1891 bis 1895 im neoromanischen Stil; ihr Hauptturm war 113 Meter hoch. In der Nacht zum 23. November 1943 brannte die Kirche nach einem Luftangriff aus, die Turmspitze brach ab. Übrig blieb ein Stumpf von rund 71 Metern, den die Berliner bald „hohler Zahn“ nannten.
Ende der 1950er-Jahre sollte die Ruine einem Neubau weichen. Nach Protesten aus der Bevölkerung fand Egon Eiermann einen Kompromiss: Er ließ den Turmstumpf stehen und stellte ihm neue Bauten zur Seite, darunter eine achteckige Kirche und einen sechseckigen Glockenturm. Die Kirche wurde am 17. Dezember 1961 geweiht. Ihre Wände bestehen aus einem Betonraster mit mehr als 20.000 farbigen Glaselementen aus der Werkstatt von Gabriel Loire in Chartres. Von außen wirken sie grau, innen färbt das Licht den Raum tiefblau. Für Kirche und Turm fanden die Berliner rasch einen Spitznamen: „Lippenstift und Puderdose“.
In der Turmruine erinnert eine Gedenkhalle an die Zerstörung; zu ihren Exponaten gehört ein Nagelkreuz aus Coventry. Auf den Stufen zum Kirchplatz zieht sich seit 2017 ein goldener Riss mit den Namen der Opfer des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt vom Dezember 2016.
Karl-Marx-Allee: Paläste für Arbeiter
Die Antwort der jungen DDR auf die Wohnungsnot war ein Boulevard: breit wie ein Aufmarschplatz, gesäumt von Wohnhäusern, die wie Paläste aussehen sollten.
Ab 1952 entstand im Osten der Stadt die Stalinallee, rund zwei Kilometer zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor. Den Wettbewerb gewann Egon Hartmann, an der Planung waren unter anderem Richard Paulick und Hanns Hopp beteiligt. Hermann Henselmann entwarf die Turmhäuser am Strausberger Platz und am Frankfurter Tor, deren Kuppeln auf Gontards Türme am Gendarmenmarkt anspielen. Der Stil – im Westen gern als „Zuckerbäckerstil“ verspottet – verbindet das sowjetische Vorbild mit Motiven des Berliner Klassizismus. Die Fassaden sind mit Keramikplatten verkleidet, die Wohnungen hatten Zentralheizung, Bad und oft einen Aufzug: Komfort, der Anfang der 1950er-Jahre selten war.
Auf dieser Baustelle begann auch der Aufstand vom Juni 1953. Bauarbeiter der Stalinallee legten am 16. Juni die Arbeit nieder, weil die Arbeitsnormen erhöht worden waren; am 17. Juni protestierten Hunderttausende in der ganzen DDR. 1961 wurde die Straße in Karl-Marx-Allee umbenannt. Der Abschnitt in Richtung Alexanderplatz entstand ab 1959 in der schlichten Formensprache der Moderne – ein Bruch, den man beim Gehen sofort sieht.
Die westliche Antwort: das Hansaviertel
West-Berlin antwortete 1957 mit der Internationalen Bauausstellung Interbau: Im Hansaviertel am Tiergarten stehen Wohnhäuser von Walter Gropius, Alvar Aalto, Oscar Niemeyer und anderen locker im Grünen – Stadtlandschaft statt Straßenachse.
Kulturforum: Konzertzelt und Glashalle
Westlich des Potsdamer Platzes, damals nahe der Mauer, plante West-Berlin eine neue Kulturlandschaft. Zwei ihrer Bauten gehören zu den wichtigsten der Nachkriegszeit.
Den Anfang machte die Philharmonie von Hans Scharoun, 1960 bis 1963 gebaut und am 15. Oktober 1963 eröffnet. Scharoun stellte das Orchester in die Mitte und ordnete die mehr als 2.000 Plätze ringsum in versetzten Terrassen an, die er „Weinberge“ nannte. Von außen erinnert das Haus mit seinem geschwungenen Dach an ein Zelt; die Berliner sprachen bald vom „Zirkus Karajani“, nach dem damaligen Chefdirigenten Herbert von Karajan. Die goldfarbene Hülle aus eloxiertem Aluminium kam erst um 1980 hinzu.
Ein paar hundert Meter südlich steht das Gegenstück: die Neue Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe, eröffnet 1968 und der einzige Bau, den er nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland verwirklichte. Ein quadratisches Stahldach von knapp 65 Metern Seitenlänge ruht auf nur acht Stützen, darunter liegt eine fast leere, rundum verglaste Halle; die Sammlung zur Kunst des 20. Jahrhunderts befindet sich im Sockelgeschoss. Nach einer Sanierung unter Leitung von David Chipperfield ist das Haus seit August 2021 wieder geöffnet.
„In Berlin stehen die Antworten oft direkt nebeneinander: Ruine und Neubau, Stalinallee und Hansaviertel, Konzertzelt und Glashalle.“
Siedlungen der Moderne
Die vielleicht einflussreichste Berliner Architektur steht nicht im Zentrum, sondern in Wohnvierteln weiter draußen.
In den 1920er-Jahren entstanden unter Stadtbaurat Martin Wagner Siedlungen, die Licht, Luft und Grün für Menschen mit kleinem Einkommen versprachen. Sechs davon sind seit 2008 als „Siedlungen der Berliner Moderne“ UNESCO-Welterbe, darunter die Gartenstadt Falkenberg, die Weiße Stadt in Reinickendorf und die Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg. Im Juli 2026 kam die Waldsiedlung Zehlendorf als siebter Teil hinzu.
Am bekanntesten ist die Großsiedlung Britz in Neukölln, gebaut ab 1925 nach Plänen von Bruno Taut und Martin Wagner. Ihr Herz ist ein rund 350 Meter langer, hufeisenförmiger Wohnbau, der einen kleinen Teich aus der Eiszeit umschließt. Taut arbeitete mit Farbe: leuchtend blaue Hauseingänge, kräftiges Rot an der Fritz-Reuter-Allee. Die Siedlung ist bewohnt – bitte bewegen Sie sich hier wie in jedem Wohnviertel: leise, auf den Wegen und ohne in Gärten oder Fenster zu fotografieren.
Steckbrief Hufeisensiedlung
- Bauzeit
- Kernbereich 1925 bis 1930
- Planung
- Bruno Taut und Martin Wagner
- Hufeisen
- rund 350 Meter lang
- Welterbe
- seit 2008
- Anfahrt
- U-Bahnhof Parchimer Allee
Bauen nach der Einheit
Nach 1990 hatte Berlin Platz wie keine andere europäische Hauptstadt – dort, wo vorher der Grenzstreifen verlief.
Potsdamer Platz
Vor dem Krieg war der Potsdamer Platz einer der verkehrsreichsten Plätze Europas; 1924 stand hier einer der ersten Ampeltürme des Kontinents. Mit der Teilung wurde er zur Brache im Grenzgebiet. In den 1990er-Jahren entstand auf dem Gelände eine der größten innerstädtischen Baustellen Europas. Statt eines Masterplans mit einheitlicher Traufhöhe setzten sich Hochhäuser durch, entworfen unter anderem von Renzo Piano, Helmut Jahn und Hans Kollhoff, dessen gut 100 Meter hoher Klinkerturm an New Yorker Vorbilder erinnert. Eine Nachbildung des alten Ampelturms steht wieder auf dem Platz; Mauersegmente und die Pflastersteinreihe im Boden erinnern an die Mauer.
Hauptbahnhof
Am Spreebogen, nördlich des Regierungsviertels, eröffnete am 26. Mai 2006 der Hauptbahnhof nach Plänen von Meinhard von Gerkan. Er ist ein Kreuzungsbahnhof auf mehreren Ebenen: Oben fahren die Züge der Ost-West-Strecke unter einem gläsernen Dach, tief unten die der Nord-Süd-Verbindung, zwei bügelförmige Bürobauten überspannen die Halle. Das Glasdach wurde noch während des Baus auf rund 321 Meter gekürzt, worüber jahrelang gestritten wurde. Reichstagsgebäude und Kanzleramt liegen auf der anderen Spreeseite, mehr dazu unter Brandenburger Tor & Reichstag.
Oberbaumbrücke
Die Oberbaumbrücke zwischen Kreuzberg und Friedrichshain wurde 1894 bis 1896 nach Plänen von Otto Stahn gebaut, mit Backsteintürmen nach dem Vorbild eines Stadttors in Prenzlau und einem Viadukt für die Hochbahn auf dem Oberdeck. Zu Mauerzeiten war sie zeitweise Grenzübergang für Fußgänger. Das 1945 gesprengte Mittelstück ersetzte Santiago Calatrava 1995 durch eine moderne Stahlkonstruktion. Mehr über die Brücke und die Spree lesen Sie in Berlin am Wasser.
Eine kleine Architektur-Route
Viele dieser Bauten liegen an einer Linie, die sich an einem langen Tag zu Fuß und mit der U-Bahn verbinden lässt. Gedächtniskirche und Hufeisensiedlung liegen abseits und lohnen eigene Abstecher.
Hauptbahnhof
Start in der Glashalle, dann über die Spree in den Spreebogen mit Reichstagsgebäude und Kanzleramt.
Potsdamer Platz
Gut eine halbe Stunde zu Fuß, vorbei am Brandenburger Tor und am Denkmal für die ermordeten Juden Europas.
Kulturforum
Philharmonie und Neue Nationalgalerie liegen wenige Minuten westlich des Platzes.
Gendarmenmarkt
Mit der U-Bahn zwei Stationen bis Stadtmitte oder rund 20 Minuten zu Fuß über die Leipziger Straße.
Nikolaiviertel
Rund eine Viertelstunde zu Fuß nach Osten, über die Spree zur Nikolaikirche.
Karl-Marx-Allee
Vom U-Bahnhof Rotes Rathaus mit der U-Bahn bis Strausberger Platz, dann gut zwei Kilometer die Allee entlang bis zum Frankfurter Tor.
Oberbaumbrücke
Rund 20 bis 25 Minuten zu Fuß nach Süden über die Warschauer Straße – am besten zum Sonnenuntergang über der Spree.
Hinweis
Philharmonie, Konzerthaus, Neue Nationalgalerie und Gedächtniskirche sind innen nur zu bestimmten Zeiten zugänglich, manche nur bei Veranstaltungen oder Führungen. Bitte prüfen Sie Öffnungszeiten und Besuchsregeln vorab auf den offiziellen Seiten der Häuser.
So kommen Sie hin
- Start
HauptbahnhofS-Bahn, U-Bahn, Tram und Regionalzüge halten direkt im Bahnhof.
- S + U
Potsdamer PlatzFür den Platz selbst und das Kulturforum.
- U-Bahn
StadtmitteWenige Schritte zum Gendarmenmarkt.
- U-Bahn
Strausberger Platz, Weberwiese, Frankfurter TorDrei Stationen entlang der früheren Stalinallee.
- S + U
Zoologischer GartenRund fünf Minuten zu Fuß zur Gedächtniskirche am Breitscheidplatz.
- U-Bahn
Parchimer AlleeKurzer Fußweg zur Hufeisensiedlung in Britz.
Linienführung und Fahrpläne ändern sich – bitte vor der Fahrt die aktuellen Verbindungsauskünfte prüfen. Tipps zu Tarifbereichen finden Sie in unseren Reisetipps.