Residenzen am Wasser
Wer Berlins Schlösser sucht, findet sie selten im Zentrum. Die Hohenzollern bauten ihre Sommersitze im Grünen – an der Spree bei Charlottenburg, an den Havelseen bei Potsdam. Für Reisende ist das ein Glück: Zu fast jedem Schloss gehört ein Park, in dem sich ein halber Tag verbringen lässt, ohne ein einziges Gebäude zu betreten.
Potsdam, rund 25 Kilometer südwestlich der Berliner Mitte, war seit dem 17. Jahrhundert Residenz und wurde im 18. auch Garnisonsstadt. Unter Friedrich II. wurde es zu dem, was man heute vor allem mit ihm verbindet: einer Landschaft aus Schlössern, Gärten, Sichtachsen und Seen. Seit 1990 gehört dieses Ensemble als „Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin“ zum UNESCO-Welterbe, 1992 und 1999 kamen weitere Flächen hinzu. Auch zwei Orte im Berliner Ortsteil Wannsee zählen dazu: die Pfaueninsel und die Schloss- und Gartenanlagen von Klein-Glienicke.
Bemerkenswert ist die Lage. Zwischen Potsdam und West-Berlin verlief bis 1989 die Grenze, mitten durch die Havellandschaft. Das Welterbe wurde im Jahr der Wiedervereinigung eingetragen und überspannt damit eine Linie, an der kurz zuvor noch Wachtürme standen. Schloss Charlottenburg gehört übrigens nicht dazu; es ist ein eigenes Kapitel und liegt mitten in der Stadt.
Schloss Charlottenburg
Am Anfang stand ein Landhaus für eine Frau, die Musik liebte und mit Gottfried Wilhelm Leibniz über Philosophie sprach. Sophie Charlotte, Gemahlin des Kurfürsten Friedrich III., erhielt 1695 Land beim Dorf Lietze an der Spree; 1699 wurde dort die kleine Lietzenburg eingeweiht, begonnen nach Plänen von Johann Arnold Nering. Als sich Friedrich 1701 zum König in Preußen krönte, wuchs auch das Schloss. Nach dem Tod der Königin 1705 erhielten Schloss und Siedlung ihren Namen: Charlottenburg.
Johann Friedrich Eosander setzte zwischen 1709 und 1712 die Kuppel auf, die heute das Bild bestimmt. Auf ihr dreht sich eine vergoldete Fortuna als Wetterfahne; die heutige Figur ist eine Nachbildung aus den 1950er-Jahren. Für Friedrich II. entstand bis 1747 der Neue Flügel nach Plänen von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. Im November 1943 brannte das Schloss nach einem Luftangriff aus, die Kuppel stürzte ein. Der Wiederaufbau zog sich bis 1957 hin – dass der Bau heute wieder so geschlossen wirkt, ist zu einem guten Teil das Werk der Nachkriegszeit.
Der Schlossgarten
Der Garten lohnt sich auch dann, wenn Sie das Schloss nicht von innen sehen. Siméon Godeau legte ab 1697 ein französisches Parterre an, streng symmetrisch und ganz auf das Schloss bezogen. Ab 1819 formte Peter Joseph Lenné große Teile zum Landschaftsgarten um, mit Wiesen, Baumgruppen und Wegen bis an die Spree. Drei kleinere Bauten verteilen sich im Park: das Belvedere, ein Teehaus aus dem Jahr 1788 von Carl Gotthard Langhans, demselben Architekten, der auch das Brandenburger Tor entwarf; das Mausoleum, nach 1810 für Königin Luise errichtet; und der Neue Pavillon, den Karl Friedrich Schinkel 1824–1825 nach dem Vorbild einer neapolitanischen Villa baute.
Steckbrief Schloss Charlottenburg
- Baubeginn
- 1695, zunächst als Lietzenburg
- Bauherrin
- Sophie Charlotte, ab 1701 Königin in Preußen
- Kuppel
- 1709–1712, Johann Friedrich Eosander
- Garten
- Barockparterre ab 1697, Landschaftsgarten ab 1819
- Lage
- Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, nahe der Spree
Tipp
Den Garten am Vormittag
Früh am Tag ist es im Schlossgarten am ruhigsten. Ein Rundgang vom Parterre zum Belvedere an der Spree und zurück am Mausoleum vorbei dauert gemächlich rund eine Stunde.
Schloss Bellevue
Das weiße Schloss am Nordrand des Tiergartens ließ Prinz August Ferdinand, der jüngste Bruder Friedrichs II., 1785–1786 von Michael Philipp Boumann errichten. Ab 1957 diente es als zweiter Amtssitz des Bundespräsidenten neben der Villa Hammerschmidt in Bonn, seit 1994 ist es der erste. Besichtigen lässt sich Bellevue nicht – von der Spree und vom Spreeweg aus sieht man aber die klassizistische Fassade mit dem Ehrenhof gut.
Derzeit ist manches anders als gewohnt. Im Sommer 2026 ist das Bundespräsidialamt in ein Ausweichquartier am Spreebogen umgezogen, weil das Schloss über mehrere Jahre grundlegend saniert wird. Wie weit Schloss und Park in dieser Zeit von außen zugänglich sind, erfahren Sie beim Bundespräsidialamt.
Am besten passt Bellevue in einen Spaziergang durch den Tiergarten: Von der Siegessäule sind es rund zehn Minuten nach Norden. Nicht weit vom Schloss führen Wege an der Spree entlang bis ins Regierungsviertel – mehr dazu unter Berlin am Wasser.
Sanssouci und sein Park
Sanssouci ist kleiner, als viele erwarten. Friedrich II. wollte kein Repräsentationsschloss, sondern ein Sommerhaus, in dem er „ohne Sorge“ leben konnte – so die Übersetzung des französischen Namens.
Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff baute das Schloss 1745–1747 nach Skizzen des Königs: eingeschossig, mit gelber Fassade, Figuren von Bacchanten an der Gartenfront und einer Kuppel über dem Marmorsaal. Schon 1744 hatte Friedrich den Südhang in sechs geschwungene Terrassen gliedern lassen, an deren Mauern in verglasten Nischen Wein und Feigen reiften. Wer heute von der Großen Fontäne die Treppe hinaufsteigt, erlebt den Bau so, wie er gedacht war: Lange sieht man nur Terrassen und Himmel, erst ganz oben steht man vor dem Schloss.
Am östlichen Ende der obersten Terrasse liegt die Gruft, die Friedrich für sich vorgesehen hatte. Beigesetzt wurde er dort erst am 17. August 1991, seinem 205. Todestag. Auf der schlichten Grabplatte liegen fast immer Kartoffeln – eine Anspielung auf die Förderung des Kartoffelanbaus, die man ihm zuschreibt.
„Sanssouci erschließt sich von unten nach oben: erst die Terrassen, dann der Himmel, ganz zuletzt das Schloss.“
Der Park
Der Park Sanssouci umfasst rund 290 Hektar. Seine Hauptallee führt gut zwei Kilometer vom Obelisken im Osten bis zum Neuen Palais im Westen; links und rechts davon verteilen sich Bildergalerie, Neue Kammern, Chinesisches Haus, Orangerieschloss und Schloss Charlottenhof, das Karl Friedrich Schinkel und Ludwig Persius ab 1825 aus einem älteren Gutshaus formten.
Das Neue Palais ist das Gegenstück zu Sanssouci. Friedrich ließ es 1763–1769, unmittelbar nach dem Siebenjährigen Krieg, als Gästeschloss errichten – als Zeichen, dass Preußen nun zu den europäischen Mächten zählte. Der König selbst nannte den Bau eine „Fanfaronade“, eine Prahlerei. Die dreiflügelige Anlage ist rund 220 Meter lang, die Kuppel etwa 55 Meter hoch. In den Communs gegenüber, einst Küchen- und Wirtschaftsgebäude, lehrt heute die Universität Potsdam.
Mehr Potsdam
Cecilienhof und der Neue Garten
Im Norden der Stadt, am Ufer des Jungfernsees, steht der letzte Schlossbau der Hohenzollern. Cecilienhof entstand 1913–1917 für Kronprinz Wilhelm und Kronprinzessin Cecilie im Stil eines englischen Landhauses, mit Fachwerk, Backstein und vielen Schornsteinen; 176 Räume gruppieren sich um fünf Innenhöfe. Weltgeschichte schrieb das Haus im Sommer 1945: Vom 17. Juli bis 2. August tagte hier die Potsdamer Konferenz, bei der Truman, Stalin und Churchill – später dessen Nachfolger Attlee – über die Nachkriegsordnung verhandelten. Im Ehrenhof erinnert ein Stern aus roten Blumen an diese Wochen.
Holländisches Viertel
Mitten in der Innenstadt stehen 134 Häuser aus rotem Backstein mit geschwungenen Giebeln, aufgeteilt in vier Karrees. Der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. ließ sie 1733–1742 von dem Amsterdamer Baumeister Jan Bouman errichten, um Handwerker aus den Niederlanden nach Potsdam zu holen. Es kamen weniger als erhofft; eingezogen sind stattdessen Händler, Künstler und Soldaten. Nach 1990 wurde das Viertel saniert. Die Mittelstraße lässt sich gut in den Weg vom Bahnhof zum Park einbauen.
Glienicker Brücke
Die stählerne Brücke über die Havel, 1907 eröffnet, verbindet Potsdam mit Berlin-Wannsee. Von 1961 bis 1989 lag sie genau auf der Grenze; die DDR hatte sie schon 1949 „Brücke der Einheit“ getauft. Bekannt wurde sie als „Brücke der Agenten“: Dreimal tauschten Ost und West hier Gefangene aus, zuerst am 10. Februar 1962, als der US-Pilot Francis Gary Powers gegen den sowjetischen Agenten Rudolf Abel freikam, zuletzt 1986. Am 10. November 1989, einen Tag nach dem Fall der Mauer, wurde die Brücke für alle geöffnet.
Pfaueninsel
Die Pfaueninsel liegt schon auf Berliner Gebiet, in der Havel im Ortsteil Wannsee. Die rund 67 Hektar große Insel erreicht man nur mit einer kleinen Fähre. Friedrich Wilhelm II. ließ hier ab 1794 ein weißes Schlösschen bauen, das wie eine verfallene Burg aussehen sollte, dazu eine Meierei in Gestalt einer gotischen Ruine. Ab 1821 gestaltete Lenné die Insel zum Landschaftspark; die Pfauen, die ihr den Namen gaben, laufen bis heute frei umher. Die Insel ist Naturschutzgebiet, Hunde, Fahrräder und Rauchen sind dort nicht erlaubt.
Den Tag planen
Für Potsdam sollten Sie einen ganzen Tag einplanen und sich trotzdem beschränken. Wer alles sehen will, verbringt die meiste Zeit auf Wegen zwischen den Parks. Bewährt hat sich ein Tag, der sich auf Sanssouci konzentriert:
Potsdam Hauptbahnhof
Ankunft mit Regionalzug oder S-Bahn, weiter mit Bus oder Tram – oder zu Fuß durch die Innenstadt.
Holländisches Viertel
Ein kurzer Halt in der Mittelstraße auf dem Weg nach Westen.
Weinbergterrassen und Schloss Sanssouci
Am Vormittag, solange es ruhiger ist; für die Innenräume gelten oft feste Einlasszeiten.
Hauptallee zum Neuen Palais
Gut zwei Kilometer durch den Park. Vom nahen Bahnhof Park Sanssouci fahren Regionalzüge zurück nach Berlin.
Wer lieber Geschichte als Gartenkunst sucht, tauscht den Nachmittag: Neuer Garten und Cecilienhof, danach ein Abstecher zur Glienicker Brücke. Charlottenburg dagegen ist ein Halbtagsziel und lässt sich gut mit dem Tiergarten verbinden, wie es unser Plan für ein Wochenende in Berlin am dritten Tag vorschlägt.
Hinweis
Für die Innenräume mehrerer Schlösser gelten feste Einlasszeiten oder Führungen, und viele Häuser der Stiftung haben einen Ruhetag. Bitte prüfen Sie Öffnungszeiten und Besuchsregeln vorab auf der offiziellen Seite der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Die Parks sind in der Regel auch dann zugänglich, wenn die Schlösser geschlossen sind.
So kommen Sie hin
- U + S
Schloss CharlottenburgVon den U-Bahnhöfen Richard-Wagner-Platz und Sophie-Charlotte-Platz oder vom S-Bahnhof Westend jeweils rund 10 bis 15 Minuten zu Fuß. Mehrere Buslinien halten direkt vor dem Schloss.
- Regionalzug
Potsdam HauptbahnhofVom Berliner Hauptbahnhof rund eine halbe Stunde. Einige Züge halten auch am Bahnhof Park Sanssouci nahe dem Neuen Palais.
- S-Bahn
Potsdam HauptbahnhofÜber Wannsee, etwas länger als der Regionalzug, dafür in dichtem Takt.
- Bus + Tram
In PotsdamVom Hauptbahnhof fahren Busse und Trams zum Park Sanssouci, zum Neuen Garten und zur Glienicker Brücke.
- Zu Fuß
Hauptbahnhof – Schloss SanssouciDurch die Innenstadt und das Holländische Viertel rund vier Kilometer, etwa eine Stunde.
- Bus
Pfaueninsel und GlienickeAb S-Bahnhof Wannsee fahren Busse zur Glienicker Brücke und zum Fähranleger der Pfaueninsel.
Potsdam liegt im Tarifbereich C, Glienicke und die Pfaueninsel liegen im Bereich B. Linienführung und Fahrpläne ändern sich – bitte vor der Fahrt die aktuellen Verbindungsauskünfte prüfen.