Was ein Kiez ist
Wer in Berlin nach dem Weg fragt, hört selten Bezirksnamen, sondern Plätze: „am Kanal“, „oben am Kollwitzplatz“, „hinterm Boxi“. Der Kiez ist die Einheit, in der Berlin tatsächlich lebt.
Das Wort ist älter als die Großstadt. Als Kietz bezeichnete man im Mittelalter kleine Dienstsiedlungen östlich der Elbe, meist Fischerdörfer bei einer Burg; im Köpenicker Kietz an der Dahme ist ein solches Ensemble erhalten. Heute meint Kiez ein überschaubares Wohnviertel mit eigenem Charakter: eigener Bäcker, eigene Eckkneipe und das Gefühl, dass man sich auf der Straße wiedererkennt.
Amtliche Grenzen hat ein Kiez nicht. Er endet dort, wo seine Bewohner ihn enden lassen – an einer Bahntrasse, einem Kanal, einer breiten Ausfallstraße. Gebaut sind viele Kieze nach demselben Muster: Der Hobrecht-Plan von 1862 legte das Straßenraster der wachsenden Industriestadt fest, private Bauherren füllten die Blöcke mit Vorderhaus, Seitenflügeln und Hinterhäusern. Was damals als Mietskaserne galt, ist heute als Altbau begehrt. Für Besucher heißt das: Zwei Stunden zu Fuß in einem Kiez erzählen oft mehr über Berlin als ein Tag zwischen Fernsehturm und Brandenburger Tor.
Mitte: Höfe und Spandauer Vorstadt
Nördlich der Spree, zwischen Friedrichstraße und Karl-Liebknecht-Straße, liegt die Spandauer Vorstadt, benannt nach einem Tor der alten Stadtbefestigung. Sie gilt als das größte geschlossen erhaltene historische Viertel der Innenstadt: mit der Sophienkirche von 1712, der vergoldeten Kuppel der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße und den Galerien der Auguststraße.
Die Hackeschen Höfe
Gleich am S-Bahnhof Hackescher Markt beginnt das bekannteste Beispiel Berliner Hofarchitektur. Kurt Berndt plante die Anlage 1906/07 als Mischung aus Wohnungen, Gewerbe und Festsälen, acht Höfe hintereinander. Den ersten gestaltete August Endell mit farbig glasierten Klinkern in geschwungenen Jugendstilmustern. Seit der Sanierung von 1994 bis 1997 gibt es hier Theater, ein Kino, Ateliers und kleine Läden; in den hinteren Höfen wird gewohnt.
Hinweis
Die Wohnhöfe werden abends geschlossen. Bitte bleiben Sie leise, fotografieren Sie nicht in Fenster hinein und beachten Sie Schilder an Toreinfahrten, die den Zutritt untersagen.
Als Gegenprobe lohnt das Nikolaiviertel, etwa einen Kilometer südlich jenseits der Spree. Um die Nikolaikirche, deren Ursprünge auf die Zeit um 1230 zurückgehen, lag der älteste Siedlungskern der Stadt. Die DDR ließ das kriegszerstörte Viertel bis 1987 neu errichten, überwiegend als Plattenbauten mit historisierenden Fassaden – es wirkt älter, als es ist.
Prenzlauer Berg und Friedrichshain
Kollwitzplatz und Mauerpark
Der dreieckige Kollwitzplatz ist das grüne Zentrum eines Gründerzeitviertels mit Stuckfassaden und breiten Gehwegen. Bis 1947 hieß er Wörther Platz. In einem Eckhaus am Platz lebten ab 1891 rund fünf Jahrzehnte lang die Grafikerin Käthe Kollwitz und ihr Mann, der Arzt Karl Kollwitz; an die Künstlerin erinnert eine Bronzefigur von Gustav Seitz aus dem Jahr 1961. An zwei Tagen pro Woche ist hier Markt.
Westlich davon verlief bis 1989 der Mauerstreifen. Auf einem Teil davon entstand der Mauerpark, dessen erster Abschnitt am 9. November 1994 eröffnete; auf der Böschung zum Stadion blieb ein Stück Hinterlandmauer stehen. Bekannt ist der Park für seinen Flohmarkt am Sonntag, den es seit 2004 gibt.
Boxhagener Platz und Simon-Dach-Kiez
In Friedrichshain bildet der Boxhagener Platz die Mitte eines früheren Arbeiterviertels. Der Platz steht als Gartendenkmal unter Schutz; samstags ist hier seit 1905 Wochenmarkt, sonntags Flohmarkt. Westlich schließt der Simon-Dach-Kiez an, abends dicht besetzt, tagsüber gut für einen Blick in Höfe und auf Fassaden. Zur Karl-Marx-Allee mit ihren Wohnpalästen der frühen DDR sind es wenige Minuten zu Fuß.
Kreuzberg und Neukölln
Bergmannkiez
Zwischen Mehringdamm und den Friedhöfen an der Bergmannstraße liegt ein Gründerzeitviertel, dessen Häuser den Krieg vielerorts überstanden haben. Mittelpunkt ist der Marheinekeplatz mit Markthalle und Passionskirche. Am Chamissoplatz steht eines der achteckigen Pissoirs aus dem 19. Jahrhundert, die man in Berlin „Café Achteck“ nennt. Ein kurzer Weg führt in den Viktoriapark auf dem 66 Meter hohen Kreuzberg, mit Schinkels Nationaldenkmal für die Befreiungskriege von 1821 und einem künstlichen Wasserfall.
Landwehrkanal und Oranienstraße
Der Landwehrkanal ist das gemeinsame Ufer mehrerer Kieze. Am Paul-Lincke-Ufer und am gegenüberliegenden Maybachufer stehen alte Bäume über der Promenade, auf der Admiralbrücke sitzen an warmen Abenden Menschen auf dem Pflaster. Mehr über Kanal und Schleusen lesen Sie unter Berlin am Wasser.
Die knapp zwei Kilometer lange Oranienstraße ist die Hauptachse des Viertels, das nach seinem alten Postbezirk bis heute SO 36 heißt. Familienbetriebe, Buchläden, Galerien und Kneipen wechseln sich ab, an den Fassaden kleben Plakate aus Jahrzehnten Stadtpolitik. Etwas nördlich liegt der Mariannenplatz mit dem Bethanien, einem früheren Krankenhaus, in dem der junge Theodor Fontane als Apotheker arbeitete.
Schillerkiez und Rixdorf
In Neukölln grenzt der Schillerkiez an das Tempelhofer Feld. Seine Mittelachse ist die 1905 angelegte, rund 50 Meter breite Schillerpromenade mit dem Herrfurthplatz und der Genezarethkirche. Seit sich das Flugfeld 2010 als Park öffnete, hat sich das Viertel spürbar verändert, samt allen Konflikten um Mieten und Verdrängung.
Ganz anders wirkt Rixdorf, gut einen Kilometer östlich. Um den Richardplatz mit Bethlehemskirche und einer Schmiede, die schon 1624 erwähnt wird, hat sich ein dörflicher Kern erhalten. Ab 1737 siedelten hier protestantische Glaubensflüchtlinge aus Böhmen; ihr Böhmisches Dorf mit niedrigen Häusern und Gärten ist bis heute ablesbar. 1912 benannte sich die Stadt Rixdorf in Neukölln um, auch um ihren Ruf als Vergnügungsort loszuwerden.
Schöneberg und Charlottenburg
Im Westen der Innenstadt werden die Kieze bürgerlicher, die Straßen breiter. Auf dem Schöneberger Winterfeldtplatz findet traditionell mittwochs und samstags einer der größten Wochenmärkte der Stadt statt. Gleich nördlich liegt der Nollendorfplatz, seit den 1920er-Jahren ein Zentrum schwulen und lesbischen Lebens; Christopher Isherwood wohnte um 1930 in der Nollendorfstraße, am U-Bahnhof erinnert eine Tafel in Form des Rosa Winkels an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus. Am Rathaus Schöneberg hielt John F. Kennedy am 26. Juni 1963 seine Rede mit dem Satz „Ich bin ein Berliner“.
„Zwei Stunden zu Fuß in einem Kiez erzählen oft mehr über Berlin als ein Tag zwischen den Wahrzeichen.“
In Charlottenburg ist der Savignyplatz ein Gartenplatz mit Laubengängen, den die Kantstraße teilt; an seiner Südwestecke verlaufen die gemauerten Bögen der Stadtbahn. Wenige Minuten südlich liegt der Kurfürstendamm, im 16. Jahrhundert als Reitweg zum Jagdschloss Grunewald angelegt und auf Betreiben Otto von Bismarcks zum 53 Meter breiten Boulevard ausgebaut. Rund 3,5 Kilometer lang, reicht er vom Breitscheidplatz mit der Gedächtniskirche bis zum Rathenauplatz. Der Ku’damm ist weniger Kiez als Bühne – die Seitenstraßen zeigen, wie großzügig Charlottenburg um 1900 gebaut wurde.
Wochenmärkte
Der Wochenmarkt ist die verlässlichste Kiez-Institution. Die meisten Märkte finden an ein bis drei festen Wochentagen statt, in der Regel vom Morgen bis in den frühen Nachmittag. Neben Obst, Gemüse, Brot und Käse gibt es Blumen, Fisch und Stände mit warmem Essen; manche Märkte haben einen ökologischen Schwerpunkt. Bekannt sind neben den oben genannten Plätzen der Markt am Maybachufer auf der Neuköllner Seite des Landwehrkanals und der Schillermarkt am Herrfurthplatz.
Früh kommen
Am Vormittag ist die Auswahl am größten und das Gedränge am kleinsten.
Markttage prüfen
Termine können sich ändern, etwa an Feiertagen. Die Bezirksämter nennen den aktuellen Stand.
Zu Gast im Kiez
Kieze sind Wohnorte. In Berlin gilt von 22 bis 6 Uhr Nachtruhe, und über fast jedem Lokal wohnen Menschen, die früh aufstehen. Lange Gespräche unter Fenstern und Musik aus dem Lautsprecher sind die häufigsten Gründe für Ärger. Hinterhöfe sind in aller Regel privat; schauen Sie nur dort hinein, wo Höfe ausdrücklich offen sind.
Radwege sind keine Gehwege – wer darauf stehen bleibt, um zu fotografieren, wird zu Recht angeklingelt. Umgekehrt dürfen Erwachsene mit dem Rad grundsätzlich nicht auf dem Gehweg fahren. Abgestellte Räder und Leihroller gehören an den Rand, nicht vor Hauseingänge oder Blindenleitstreifen. Und eine Berliner Eigenheit: Leere Pfandflaschen stellen viele neben statt in den Mülleimer, damit Sammler sie mitnehmen können.
Tipp
Ein Kiez pro Halbtag
Eine Runde von zwei bis drei Kilometern mit Markt, Park und Seitenstraßen füllt einen Vormittag. Wie sich das mit den großen Sehenswürdigkeiten verbinden lässt, zeigt unser Plan für ein Wochenende in Berlin.
So kommen Sie hin
- S + U
Hackescher Markt / WeinmeisterstraßeHackesche Höfe und Spandauer Vorstadt liegen direkt an den Bahnhöfen.
- U
Senefelderplatz / Eberswalder StraßeKollwitzplatz beziehungsweise Mauerpark, jeweils wenige Minuten zu Fuß.
- S + U
Warschauer Straße / Frankfurter TorGut zehn Minuten bis zum Boxhagener Platz.
- U
Gneisenaustraße / Kottbusser TorBergmannkiez beziehungsweise Landwehrkanal und Oranienstraße.
- U
Boddinstraße / Karl-Marx-StraßeSchillerkiez beziehungsweise Rixdorf.
- S + U
Nollendorfplatz / SavignyplatzSchöneberg beziehungsweise Charlottenburg.
Linienführung und Fahrpläne ändern sich – bitte vor der Fahrt die aktuellen Verbindungsauskünfte prüfen.